16:11 Liebes Tagesbuch,
eigentlich sollte ich meine Hausaufgabe über den 1. Johannesbrief machen, aber ich habe mich entschlossen, eine kurze Pause einzulegen, um meine Gedanken festzuhalten. Von meinen sieben Zimmergenossen ist niemand da, und ich frage mich, ob die Entrückung stattgefunden hat. Unheimlich! Soll ich in Panik ausbrechen und das ganze Gelände nach Leben absuchen – oder meine Hausaufgabe weitermachen? Die Wahl fällt nicht schwer…
16:12 Nach der Rückkehr von meiner erfolglosen Suche muss ich mich erstmal setzen und die Geschehnisse verarbeiten. Ach was, nur Spaß, ich hab mich für die Hausaufgabe entschieden. Eine Minute, nachdem ich mit Schreiben angefangen hatte, kam sowieso Sam herein und machte meine ganzen schönen Verschwörungstheorien zunichte, als er mich zu pieksen begann. Hab ich verscheuchen können.
Noch knapp zwei Stunden, um meine Hausaufgabe fertig zu machen, bevor die von den Kollegen organisierte Party beginnt.
16:18 Mir wird gerade bewusst, dass Sam meine Frage nach dem Aufenthaltsort der anderen bewusst unbeantwortet gelassen hat.
16:21 Jemand anderes, vermutlich Dan oder Tyler, ist hereingekommen und kramt in seinem Schrank. So langsam beginne ich an mir selbst zu zweifeln.
16:25 Ich glaube nicht, dass ich das rechtzeitig schaffe. Derweil erklingt in meinen Kopfhörern Kamelots genialer Herzwurm “Forever”.
16:32 Tyler ist jetzt auch da. Alle (außer Sam) bleiben aber nur ziemlich kurz.
16:33 Der Grund, warum ich bis kurz nach sechs fertig sein muss, ist die Feier heute abend und die Tatsache, dass ich noch packen und morgen früh raus muss. Wir fahren nämlich bis Dienstag für einen Kurzurlaub nach Wien. Freu mich schon und hoffe wider alle Vernunft, dass mein Magen bis in zwei – oh, anderthalb – Stunden das Kriegsbeil begraben hat. Ansonsten werde ich wohl den anderen beim Mexikanisch Essen zuschauen müssen…
16:38 Ha! Tyler hat mir ein Magenmittel vorbeigebracht. Verdauungstrakt, dies is eine förmliche Kriegserklärung! Wir werden ja sehen, wie lange du noch auf deinem Standpunkt beharrst!
16:41 Ausgezeichnet! Trip kommt rein und verkündet, der Beginn sei um eine halbe Stunde auf Sieben verschoben worden. “Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!”, sagt Hannibal Smith so gerne…
16:44 Nach dieser guten Nachricht und der Fertigstellung der Kapiteltitel des 1. Johannesbriefs habe ich beschlossen, erstmal für zwei Minuten Pause zu machen und etwas ausführlicher zu werden. Gestern beschloss Whitney spontan, dass sie mein Haar “trimmen” müsse – das ist der dritte Versuch in etwa vier Wochen, doch diesmal mit einer ganz neuen Herangehensweise. Mein Haar ist jetzt – nach Trips Vorbild – hinten und an den Seiten wirklich kurz und oben vielleicht vier oder fünf Zentimeter lang. Sie meinten, ich müsse von jetzt an “glue” (Kleber, Leim) verwenden (was eine stärkere Version von Gel ist. Für mich Laien eine völlig neue Welt!). Ich will meine Haare auf jeden Fall wieder wachsen lassen, finde das Experiment aber nicht soo schlecht, wie ich sie habe spüren lassen. Ich sollte nicht immer so kritisch sein.
16:58 Die Schlacht scheint verloren, doch der Krieg ist es noch lange nicht. Mein Magen hat die ersten Angriffswellen mit Leichtigkeit zurückgeschlagen und sich anschließend in seine Höhle zurückgezogen, um auszuruhen. Ich bin neugierig, wie lange er das noch durchhält.
17:12 Whitney verwirrt mich sehr mit ihren Widersprüchen. Plaudert sie da gerade Sachen aus, die ich nicht wissen soll? Warum sagt sie, sie braucht eine Stunde, um sich auf das Abendessen vorzubereiten? Warum will sie zum Abendessen gehen, wenn wir eine Stunde später mexikanisch essen werden?
Sie sagt, dass sie vorher noch putzen muss. Dabei hat sie das den ganzen Tag gemacht. Sie sagt, dass es diesmal ihr Zimmer ist. Sie beginnt mich zu überzeugen.
17:20 Den ganzen Tag lang haben mich eMails und Kommentare auf diversen Myspace-Klonen beschäftigt gehalten, genervt und gerührt. Ich hätte nie gedacht, dass einige von den Leuten an mich denken, die mir schon heute morgen ab Mitternacht Geburtstagsglückwünsche geschickt haben. Und genervt deshalb, weil sie mich so beschäftigt hielten…
Die erste Welle scheint jedoch abgeklungen zu sein. Was mir mehr Luft für meine Hausaufgaben und etwas Blödsinn zwischendurch lässt.
18.03 Jetzt sind die drei verbliebenen Zimmergenossen mit irgendwelchen hanebüchenen Entschuldigungen abgerauscht, um am Abendessen teilzunehmen. Langsam keimen meine Verdachtsmomente wieder auf. Whitney hat mir in der Zwischenzeit erklärt, dass sie doch nicht zum Abendessen gehen wird, woraus ich schließe, dass sie einem Missverständnis aufgesessen war.
Mein Magen fühlt sich jetzt besser an. Ich hab allerdings festgestellt, dass ich heute Abend am besten noch packen sollte. Ich hab das Gefühl, dass die Party ziemlich kurz wird.
Im Hintergrund: Paul Gilberts atemberaubendes und emotionales Solo on Neal Morse’s (ja, ich setze hier einen Apostroph!) “The Door”. Jetzt: Paul Gilberts zweites atemberaubendes Solo auf der Scheibe, diesmal in dem Hard-Rock-Stück “Do you know my name?” Dieser Gitarrist ist einfach atemberaubend.
18:13 Dan (der gerade hereinkam und keiner der drei vorherigen Akteure war) sagt mir gerade, dass wir vermutlich so gegen 22.30 mit allem fertig sein wollen, einschließlich Essen und dem Film. Das bedeutet, dass ich danach noch Zeit habe, meine Hausaufgaben fortzusetzen und zu packen, sowie mein Tagesbuch fortzusetzen.
18:15 Jetzt ist Dan auch wieder weg. Ich frag mich, wo die alle stecken und was die so treiben. Bereiten die was vor, oder sind das nur meine Paranoia? Ich bin so aufgeregt! Noch nie in meinem Leben hat jemand eine Party für mich organisiert.
0:51 Die Party war toll. Mein Magen hat Ruhe gegeben. Whitney hat mir zwei Krawatten geschenkt und Amanda drei kleine Schoko-Pralinen. Trip hat Tortillas gemacht. Aber es war ziemlich verrückt, dass mir keiner die Hand schütteln und “Happy Birthday” wünschen wollte. Amerikaner sind so langweilig. Die meisten Leute musste ich dazu überreden, mir zu gratulieren und vielleicht sogar eine Umarmung zu spendieren. In Deutschland undenkbar. In Amerika scheinbar unter “Kerlen” unüblich. Das lässt meine Verdachtsmomente wieder aufleben…
Die beiden Pastoren, die ich in Wien kontaktiert habe, haben mir endlich zurückgeschrieben, sodass wir jetzt sogar eine Unterkunft haben (wenn auch ohne Dusche)! Das ist eine tolle Gebetserhörung. Seit unserer Rückkehr gegen halb zehn war ich nur mit Packen, eMailen, organisieren und (ich gebs zu) Videos und Fotos von der Party kucken beschäftigt (die tollsten werde ich so bald wie möglich online stellen!).
Vielleicht ist jetzt noch etwas Zeit für Hausaufgaben, bevor morgen um 7.15 mein Weckerlein zirpt.

Liebes tagebuch!
ich war ja so aufgeregt! Ob Bejamin einen schönen Geburtstag haben würde, und ob irgend jemand außer mir an ihn denken würde? Nach Benjamins Blog-Lektüre bin ich sooo froh! Denn jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, ob er die Schokolade aus meinem Geburtstagspäckchen schon erhalten und aufgegessen hat, aber ich weiß, dass es gut war, meine Geburtstagsmail schon ein paar Tage eher zu schicken!!! Sie gehört jetzt wenigstens nicht zu den Mails, die ihn vom Denken und Arbeiten abgelenkt und genervt und Zeit gekostet haben. Ich bin ja sooo froh! Und eine Tube Kleber für die Haare werden wir sicher auch noch auftreiben!
Mama
Liebe Mama,
ich hab mein Tagesbuch mit bedacht so und nicht “Tagebuch” genannt – um hervorzuheben, dass es sich unterscheidet, weil es nur die Gedanken eines Tages reflektiert.
Das Päckchen kam am Tag (oder zwei?) vorher an. Alle haben mich für verrückt erklärt, dass ich mit öffnen bis Mitternacht gewartet habe, aber ich hab es geschafft. Passend dazu kam von Papa die “Anweisung”: “Aber warte mit Auspacken noch bis morgen!”, als ich ihm in einer eMail davon erzählte. Seit ihr beiden verheiratet oder was?? Ständig ist einer von euch beiden nicht auf dem neusten Stand, weil ich nur einem Familienmitglied etwas erzählt habe und dann denke, dass alle bescheid wissen.
Das Hemd trage ich heute zum ersten Mal. Passt sehr gut und gefällt mir auch. Die Schokolade ist bereits halb aufgebraucht…
Mit Lernen bin ich Dienstagnacht nach einem wahren Lernmarathon fertig geworden, nur um Mittwoch und Donnerstag erneut ranzumüssen: Am Donnerstagnachmittag war nämlich die Johannes-Aufgabe dran (die ich bis Mittwoch nicht fertiggekriegt habe) und (zwischen diesem und dem nächsten Wort liegt ein Zeitraum von etwa fünf Minuten, die ich damit verbrachte, auf die Uhr zu sehen, panisch mein Chapter title booklet hervorzukramen und zum Büro des Lehrers zu rennen, wo zum Glück niemand war außer dem Haufen Heftchen vor der Tür, denen meines nun Gesellschaft leistet) die Kapiteltitel der biblischen Bücher bis einschließlich Ruth mussten heute um vier fertig sein.
Jetzt hab ich ein hoffentlich untätiges Wochenende und kann meinen Rundbrief fertigstellen – und vielleicht mal wieder einen Blogeintrag schreiben, zum Beispiel über Wien oder Beef Jerkey.
[...] Wow! Fast ein Jahr ist es her, dass ich meinen ersten und bislang einzigen Tagesbuch-Artikel geschrieben habe! Siehe dort für die Erklärung des [...]