Vor fast genau vier Jahren, am 26. Juni 2004, starb mein jüngerer Bruder bei einem Autounfall. Viele von euch kennen die genaueren Details dieser Geschichte noch nicht, darum dachte ich, dass es bestimmt interessant – und lehrreich – wäre, sie einmal zu erzählen.
Es war an einem Freitagabend. Ich war auf dem Weg in den Jugendkreis und lud ihn ein mitzukommen, aber er war schon auf eine Party eingeladen. Ich ging also allein und wir hatten einen wunderbaren Grillabend.
Derweil hatte mein fast 15 Jahre alter Bruder Jonathan (hoffentlich) eine schöne Party in Emskirchen, einem Ort etwa vier Kilometer von Hagenbüchach entfernt. Vielleicht gegen Mitternacht kreuzte dort der 15-jährige Andreas E. auf, der unter den Teenagern für seine heimlichen Spritztouren mit dem Auto seiner Mutter bekannt war. So auch an diesem Abend. Er fragte die Jungs, ob sie noch zu einem kleinen Rockfestival in Puschendorf mitkommen wollten. Mein Bruder und drei Freunde, davon zwei aus Emskirchen und einer wie er aus Hagenbüchach, nahmen das Angebot an. Joni war ganz sicher nicht dumm und wäre alleine womöglich nicht mit eingestiegen, aber wer möchte schon als einziger zurückbleiben, während die anderen einem sagen, dass man doch bloß Angst habe?
Die vier Jungs klemmten sich also auf den Rücksitz. Andreas hatte außerdem einen Freund auf dem Beifahrersitz dabei, der schon 22 war, aber laut eigenen Angaben nicht wusste, dass Andreas zu jung zum Autofahren war (den Wahrheitsgehalt dieser Aussage wage ich jedoch in Zweifel zu ziehen, obgleich ich hier niemandes Richter sein möchte). Er war auch der einzige, der sich angeschnallt hatte.
Sie fuhren also los. Bevor sie ihr Ziel erreichten, kamen sie jedoch an eine Polizeikontrolle – man war daran gewohnt, dass von dem alljährlichen Rock-Festival viele Besucher betrunken nach Hause fuhren. Andreas bekam Angst, wendete und gab Gas, um nicht erwischt zu werden. Er wollte zuerst schnell zurück nach Emskirchen, um die Jungs zurückzubringen, dann mit dem Auto nach Hause fahren. Sie kamen bis kurz hinter Hagenbüchach. Dort fuhr er mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit über eine niedrige Hügelkuppe, vielleicht einen halben Kilometer von Hagenbüchach entfernt. Auf jenem Hügelrücken lag außerdem eine Kurve, die sich vielleicht mit 150° nach rechts neigte. Für einen routinierten Fahrer wäre das kein Problem – für einen Anfänger, der viel zu schnell fährt, als das Auto bei seinen Fähigkeiten noch sicher zu führen, fatal. Er verlor die Kontrolle und wickelte das Auto mit hoher Geschwindigkeit um zwei Bäume. Die vier Jungs auf dem Rücksitz wurden durch den Aufprall getötet und drei von ihnen irgendwie durch die Front – also entweder durch die Windschutzscheibe oder sogar das Dach – des Autos mehrere Meter in das dahinter liegende Feld geschleudert. Fahrer und Beifahrer überlebten, ersterer mit schweren inneren Verletzungen, weil er zwischen Sitz, Lenkrad und Armaturen eingeklemmt war, letzterer praktisch unverletzt, weil er eben angeschnallt war.
Er war es auch, der anschließend mit seinem Mobiltelefon die Rettungskräfte alarmierte. Der Chef der Hagenbüchacher Feuerwehr, unser Nachbar, fand unter den Toten den Sohn seines besten Freundes. Einer der Feuerwehrmänner aus Emskirchen kam sogar an den Unglücksort, nur um seinen eigenen Sohn tot vorfinden zu müssen. Unglaubliches Leid kam in dieser Nacht über die beiden Orte Hagenbüchach und Emskirchen.
Meine Familie erfuhr davon vielleicht in der fünften Morgenstunde. Jemand hielt den Klingelknopf an unserer Tür minutenlang gedrückt. Ich wachte auf und dachte, wenn der Joni jetzt um diese Zeit heimkommt und keinen Schlüssel dabei hat, ist er selber schuld, ich mach ihm jedenfalls die Tür nicht auf! Gerade als ich es mir anders überlegt hatte und aufstand, öffnete meine Mutter bereits die Tür. Es war eine Gruppe von vielleicht vier Männern, an die ich mich so gut wie nicht erinnere, ich weiß aber, dass unser Nachbar, der Feuerwehrhauptmann, und eine Art Amtsseelsorger darunter gewesen sein müssen. Wie betäubt vernahmen wir die Hiobsbotschaft. Meine Eltern wurden gebeten, zum Zwecke der Identifizierung mitzukommen. Sie kamen nach einer Weile zurück und bestätigten unsere Befürchtungen: Mein Bruder war unter den Opfern.
Für etliche Stunden war ich begreiflicherweise äußerst niedergeschlagen und trauerte. Irgendwann hatte ich das aber satt. Objektiv gesehen gab es keinen Grund zur Trauer als den, dass ich meinen Bruder nun für etliche Jahr nicht wiedersehen würde. Denn mein Bruder glaubte, dass er nur durch die Gnade Gottes gerecht werden könne, und dass Jesus Christus ihn durch seinen Tod am Kreuz gerechtfertigt hatte. Die Bibel sagt, dass dies der einzige Weg zum ewigen Leben ist und das jeder andere Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist und in der Hölle endet. Ich bin überzeugt, dass ich meinen Bruder im Jenseits wiedersehen werde, und freue mich jetzt schon darauf.
Dieser Logik folgend dachte ich, dass es zwar voll und ganz verständlich, aber damm doch ziemlich kurzsichtig wäre, so viel um ihn zu trauern. Ich bin von Natur aus fröhlich und mag die Traurigkeit nicht, außerdem hoffte ich, mit Stärke meine Familie besser unterstützen und nach außen hin ein klareres Bekenntnis ablegen zu können. Ich begann also, auf meiner Gitarre Gott Loblieder zu singen, zuerst mit tränenerstickter Stimme, dann sicherer. Wenn Gott meinen Bruder nahm, so hatte er ganz sicher einen Grund dafür. Und bei Gott hatte es mein Bruder ganz sicher besser als hier auf der Erde.
Ich wusste auch, dass Gott diesen Vorfall nicht nur zugelassen, sondern auch eingeplant hatte, und zwar zu meinem Besten und zum Besten vieler anderer. Lasst uns auch nicht vergessen, dass Gott der einzige Grund ist, warum wir, die sein Gnadenangebot akzeptiert haben, nicht von vornherein dazu verdammt sind, in der Hölle zu schmoren, sondern völlig unverdientermaßen in den Genuss seiner Vergebung und Gegenwart kommen werden. Denn der Grund, warum Gottes Gnade notwendig wird, ist dass wir uns durch unsere Sünden, unsere Schuld von ihm abgewandt und entfernt haben. Diese Gottesferne kommt der ewigen Todesstrafe gleich, denn Leben ist nur in Ihm. Sie kann nur durch Gott überwunden werden, und nur durch die Exekution dieser Todesstrafe. Gott nahm unsere Todesstrafe auf sich selbst, sodass wir nicht verloren gehen würden, sondern mit ihm das ewige Leben haben könnten. Wir müssen nur akzeptieren, dass Gott schon alles für uns getan hat. Das ist sein Angebot der Gnade, von der ich spreche. Sie will ich mit meinem Leben bezeugen, sodass ich Menschen vor dem Verlorengehen retten kann.
Zurück zu meinem Punkt: Es gibt also eigentlich niemals einen Grund, nicht voller Freude zu sein. Wenn wir Christen es doch manchmal sind, haben wir unsere Situation aus dem Blick verloren.
Mein Gottvertrauen wurde belohnt. Erstens kam ich so unendlich viel leichter mit den Nachwirkungen des Todesfalls zurecht. Zweitens konnte ich auf diese Weise meine Familie unterstützen. Drittens konnte ich ein Zeichen für andere setzen. Außerdem war ich so Gottes Werkzeug bei der Verwirklichung seines Plans. Einige (offensichtliche) Teile von Gottes Plan für diese Tragödie waren etwa, dass meine Familie und ich im Glauben und um Erfahrung wuchsen und eine erstklassige Gelegenheit erhielten, unsere Überzeugung mit der Welt zu teilen. Durch unser Zeugnis und Gottes Wirken wurden mehrere Menschen zum Glauben an Gott geführt. Was ist ein verlorenes irdisches gegen mehrere gewonnene ewige Leben? Doch Gott tat sogar noch mehr: Hatte ich vorher eigentlich keinen christlichen Freund meiner Altersgruppe in Hagenbüchach, gründeten wir etwas später sogar einen christlichen Jugendhauskreis.
Auf diese Weise fühlte ich mich auch am Ende nicht etwa betrogen, sondern reich beschenkt!
Andreas genas übrigens glücklicherweise recht schnell von seinen Verletzungen. Er wurde einige Monate später zu mehreren hundert Sozialstunden verurteilt und wird niemals einen Führerschein machen dürfen. Leider hat er es anscheinend nie geschafft, mit seinen Schuldgefühlen richtig umzugehen. Er scheint leider nur bei den Nazis und ihrem Hass auf die etablierte Gesellschaft sozialen Anschluss und Anerkennung finden zu können. Er hat zwar immer behauptet, sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt zu haben (meines Wissens sogar vor Gericht unter Eid). Das ist aber eindeutig nicht wahr. Mir oder meiner Familie hat er jedenfalls nie ein Wort der Entschuldigung gesagt. So bedauerlich das ist, irgendwie verstehe ich ihn. Man hat ihn nach diesem Ereignis fast wie einen Aussätzigen behandelt. Hat nicht jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Ich habe ihm jedenfalls vergeben.
Was lernen wir jetzt aus der ganzen Angelegenheit?
1. NIEMALS beim Autofahren den Gurt weglassen. Muss ich noch mehr sagen?
2. In einer offensichtlich leichtsinnigen/gefährlichen Situation nicht dem Gruppenzwang nachgeben!
3. Spiel nicht mit der Gefahr, nur um anzukommen! Vor allem: Fahr nicht, bevor du nicht weißt, wie es geht.
4. Der Tod eines geliebten Menschen wird erträglich, wenn wir wissen dürfen, dass er bei Gott ist.
4. Wenn wir an Ihn glauben, verherrlicht Gott sich selbst in jeder Situation, selbst in unseren dunkelsten Stunden. Und am Ende stehen wir immer mit mehr und einem größeren Segen da, als vorher. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich Ihn dafür liebe!
4. Der Glaube an Jesus Christus, der die Last unserer Schuld auf sich genommen hat, ist der einzige Weg, der zum ewigen Leben führt.

stark ben
Danke Ben ! Das hast du so klasse gschrieben. Ich hab mal in Wilhelmsdorf gewohnt und deshalb das Unglück ganz aktuell mitbekommen. Am nächsten Tag oder zwei ruft mich Meggi an und sagt mir, daß es sich um Jonathan handelt ! Da haben wir erst mal ne Runde zusammen geheult.
Aber was Gott draus gemacht hat, ist echt unglaublich ! Danke, daß ich das jetzt nochmal erfahren hab.
Gruß Babs.