Loreley war der Sage nach eine Jungfer, die auf einem bestimmten Felsen am Rhein saß und so betörend sang, dass sie die Rheinschiffer von ihrer Aufgabe ablenkte und deren Schiffe auf Riffe fuhren und sanken. Vermutlich lag das nicht nur an ihrem Gesang, geht man nach zahlreichen Darstellungen, die sie äußerst spärlich bekleidet zeigen…
Die Maid Loreley ist längst nur noch Gegenstand von Sagen, doch ihr Felsen ist so real und handfest wie eh und je. Bei St. Goarshausen am Rhein gelegen, ragt er mit 132m beeindruckend über die weiten Windungen des Flusslaufes. Damit passt er perfekt ins landschaftliche Bild der wunderschönen Gegend um Rüdesheim, wo steile, bewaldete Hügel dicht am Ufer hoch emporragen und sich in jeder Flussbiegung ein neues Bürglein oder Schlösschen auf seinem Felsvorsprung erhebt. Das Ufer ist meist befestigt und im Korsett der Uferstraße gefangen, die sich auf beiden Seiten entlangzieht, an den Hängen wird Weinbau betrieben und an den flacheren Stellen, etwa in den Biegungen, finden sich allenthalben kleine Siedlungen.
Der Felsen der Loreley ist heute aus einem ganz anderen Grund eine Attraktion. Ganz oben befindet sich jetzt nämlich eine Freilichtbühne, ein Theater, in dem die verschiedensten Größen aus allen Genres schon legendäre Live-Konzerte gegeben haben.
Mein Vater hatte (ich würde gerne sagen “feierte”, aber das tat er nicht) Ende Juni seinen 50. Geburtstag. Auf der Loreley, so hatte ich zufällig erfahren, sollte am 18.-20. Juli ein Progressive Rock Festival erster Güte stattfinden, mit Größen wie Roger Hodgson, Fish, Flower Kings, Pain of Salvation, Sieges Even und Neal Morse! Für meinen Vater, der in erster Linie klassischen70er/80er-ProgRock mag, waren die ersten drei interessant, für mich, der über den Power und Progressive Metal auf den ProgRock kam, eher die letzten drei, also besorgte ich Karten für Samstag und Sonntag (wo die besagten Künstler auftraten).
Am Samstagmorgen fuhren wir früh morgens los und kamen tatsächlich rechtzeitig zum ersten Act um 12:30 an. Die Gruppe hieß Central Park und sollte sich als eine von denen erweisen, die mir von allen am besten gefielen. Tolle Komposition, Meisterschaft der Instrumente und schöne Melodien mit verschiedenen komplexen Themen – da blieb nichts zu wünschen übrig. Auch die folgende Gruppe Magenta (ohne “r”), die einzige mit einer Sängerin, machte starke Musik. Es folgten zwei schwächere Auftritte, bevor mit den Flower Kings eine führende Band des Genres auftrat. Als mein Vater neben mir an seinem Luftschlagzeug total auszuflippen begann, wusste ich, dass ich ihm das richtige Geschenk gemacht hatte!
Im Anschluss spielte die schwedische ProgMetal-Band Pain of Salvation, deren Musik toll, deren Texte aber teilweise eher mau sind. Meinem Vater war das natürlich viel zu hart, und so ging er sich dann mal etwas die Beine vertreten. Am Ende ihrer wechselhaft “brettharten” (Zitat: mein Vater) oder melodisch-emotionalen Lieder spielte die Band als Gag den Popsong “Disco Queen” – ohne eine Miene zu verziehen! Es war echt unbeschreiblich, wie Schlagzeug, Bass und Keyboard den synthetischen Dance-Sound perfekt nachahmten und zwei verzerrte E-Gitarren sich nahtlos ins Bild fügten!
Der Abend kam. Es spielten Barclay James Harvest feat. Les Holroyd, die ihren ursprünglichen Classic Rock Sound inzwischen mit einem ziemlich guten Sologitarristen anreichern (oder entstellen, wie das mein Herr Vater vermutlich sagen würde…). Den Abschluss machte Fish, ehemaliger Sänger der Legende Marillion. War zwar keine schlechte Musik, und sein Gerocke auf der Bühne war definitiv sehenswert, aber ich wurde so müde, dass ich irgendwann vorzeitig schlafen gegangen bin. Öde Type, ich weiß! Geht auf ein Rockfestival und legt sich früh schlafen! Aber das lag an der langen Fahrt am Samstagmorgen von fast-Nürnberg bis beinahe Koblenz.
Der nächste Morgen kam. Den ersten Auftritt hatte die deutsche Band Knight Area, die ganz anständig spielten, danach kamen Gazpacho aus Norwegen, mit Central Park und Magenta sicherlich die “neue” Band, die mir am besten gefallen hat. Ihr Sänger hatte eine tolle Stimme, sie spielten starke, emotionale Musik, von Schlagzeug, Bass und Keyboard getrieben (ähnlich wie beispielsweise Muse), dann aber mit so interessanten Instrumenten wie E-Mandoline oder E-Geige akzentuiert. Irgendwie konnten sie aber nicht langfristig fesseln.
Danach kam die polnische Band Quidam, die viele Anhänger hatte, mir aber nicht so zusagte. Ihr Sänger klang etwas schwach (vielleicht lag das auch nur an der Abmischung), ihr großes Plus war aber der Flötist, der wunderschöne Zwischenspiele beisteuerte. Aber ich konnte der Gruppe gar nicht mehr richtig folgen, weil ich schon ganz zappelig war wegen Neal Morse, der danach spielen sollte (denn Sieges Even, die als nächstes aufgetreten wären und mich auch sehr interessiert hätten, fielen aus). Ich stand schon in den letzten 20 Minuten von Quidam nahe der ersten Reihe, um mir gleich am Ende ihres Auftritts den ersehnten Platz ganz vorn am Zaun sichern zu können. Relativ nah an der Mitte, stand ich dann praktisch optimal, um Neal Morse und seine Band in allen Einzelheiten live erleben zu können.
Dessen Auftritt begann weniger pompös als erwartet. Die Anlage war vorher noch nie so laut gestellt gewesen, und mir dröhnten die ganze Zeit über unheimlich die Ohren, selbst abends noch. Und irgendetwas stimmte nicht mit dem Keyboard des ProgMissionars, und schon nach nur einer Minute musste er sein erstes Stück unterbrechen, damit der Roadie den Laptop, der den Sound zusammenschaltete, neu starten konnte. In der Zwischenzeit spielte er “We All Need Some Light”, eine wunderschöne Ballade aus seiner Zeit bei Transatlantic, die ich auswendig mitsingen konnte. (Er spielte es nur mit seiner A-Gitarre, deshalb ging das ohne den besagten Laptop) Als danach alles lief, begann er die Show mit einem Stück von seinem neuen Album (das im Herbst erscheinen soll), das solide klang, an das ich mich aber kaum noch erinnere. Nach einem weiteren Lied (vermutlich von Spock’s Beard, ich kannte es leider nicht) begann dann der Paukenschlag: Die Band spielte “The Door”, den 30-minütigen Opener des aktuellen Albums “Sola Scriptura”, das von Martin Luther handelt. Das Stück beschreibt die Missstände und die Verdorbenheit und Korruption in der Katholischen Kirche zur Zeit des großen Reformators, erzählt von seiner Erkenntnis, dass die Gnade Gottes allein den Menschen retten kann, und dass die Kirche mit ihrem Ablasshandel und ihren Lügen die Menschen eher in die Hölle bringt, und endet mit seinem Entschluss, seine Theologie an das Tor der Schlosskirche Wittenberg zu nageln (heute bekannt als der Anschlag der 95 Thesen; darum der Titel “The Door”). Gitarrenguru Paul Gilbert steuert an dieser Stelle auf dem Album ein unglaubliches Solo bei, das seinesgleichen sucht; der zierliche, jugendliche Holländer, der in der Liveband des Meisters die Klampfe bediente, spielte ein sehr ähnliches, unheimlich schnelles, würdiges Solo, das an das Original aber nicht ganz heranreicht (Man bedenke, dass alle Live-Musiker ihre Stimmen aus den fertigen Liedern heraushören mussten, weil keine Noten existieren!). Er erntete dafür auch einen riesen Applaus.
Es folgte knapp die Hälfte des Question-Mark-Albums, von Mr Morse offensichtlich ausgesucht, um den Zuschauern zu zeigen, wie es weitergeht, wenn man die Wahrheit erkannt hat, die schon zu Luthers Zeiten ganz Europa auf den Kopf stellte. “But before you’re entering…” begann das nächste Stück und bot damit eine schöne Überleitung vom “The Door”-Ende des vorherigen Stücks. Der folgende Teil beschrieb, wie unser Leben ein “lebendiges Opfer” sein muss, um Gott zu gefallen.
Den Rest seiner anderthalb Stunden Spielzeit spielte er verschiedene Stücke seiner ehemaligen Band Spock’s Beard, die ich leider kaum kannte. Neal ist aber ein unglaublicher Bühnenmensch: Ob er mit dem Gitarristen auf seiner eigenen E-Gitarre um die Wette frickelt, das Publikum die Refrains seiner Lieder singen lässt, sein Keyboard auf Knien spielt, dem Schlagzeuger mitten im Lied die Sticks abnimmt und es fertigspielt, ohne den Rythmus zu unterbrechen, oder beim Singen mitten ins Publikum rennt und alle seine Bekannten per Umarmung begrüßt – kein anderer Künstler auf dem Festival hat auch nur annähernd so eine Show geboten!
Bemerkenswert ist sonst nur noch seine zweite von drei Zugaben – das Stück “Cradle to the Grave”, das die Kluft zwischen Gott und dem Menschen beschreibt. Wie der Mensch sich von Gott abgewandt hat, sein Leben nicht mehr geregelt kriegt und zurückkehren möchte, wie sehr es Gott schmerzt, dass seine Liebe nicht erwidert wird, und wie er schließlich aus lauter Liebe alles daran setzt, um den Menschen zurückzugewinnen. Wer hören will, der höre! Das Besondere und nahe an dem Stück ist, dass Neal dieses Lied wie üblich im Duett mit seinem etwa neunjährigen Sohn Will sang. Wunderschön! Selbst mein Vater, der Neal normalerweise zu hart findet, war von diesem Auftritt begeistert.
Mit ringenden Ohren fand ich meinen Weg zurück zu meinem Vater, der schon am Packen war. Wir mussten die beiden letzten Bands leider ausfallen lassen, weil er am nächsten Tag früh zur Arbeit musste und wir einen ordentlichen Heimweg hatten. Es brauchte etwas, bis ich das Gefühl hatte, dass mein Gehör wieder normal funktionierte. Und mein Vater – der hat jetzt nochmal um vormals als zu hart abgelehnte Neal-Morse-Scheiben gebeten, um sie sich gründlich anzuhören…
