In einem Monat soll in den Räumen der Uni Marburg ein christlicher „Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ stattfinden. Marburg liegt ganz in der Nähe im Norden von Gießen, von daher hat die Sache praktisch „Lokalbelang“. Weil an dem Kongress auch einige evangelikale Ärzte teilnehmen, die an die psychische Heilbarkeit von Homosexualität glauben, geriet er ins Visier des Lesben- und Schwulenverbands und der Grünen. Wieder groß hervorgetan hat sich Volker Beck, der schon dafür sorgte, dass ein Seminar über Homosexualität auf dem Jugendfestival „Christival“ abgesagt werden musste. Mit viel Trommelwirbel beklagen sich die Aktivisten über „Homo-Umpoler“ (sic!), und über die Tatsache, dass die besagten Referenten „Homosexuelle zu Heterosexuellen therapieren wollen“. Nach der evangelischen Nachrichtenagentur idea behauptet Beck, die Referenten „stellten Lesben und Schwule „als defizitär, krank, therapiebedürftig oder sündhaft dar“ und würdigten sie damit herab“. Er zieht alle Register und mahnt die Stadt Marburg schließlich sogar, ihr Ruf als Universitätsstandort werde Schaden nehmen, wenn sie diese Konferenz stattfinden ließe. Diese und die Universität wiederum bestätigen bisher, dass es keinen Grund zum Zweifel an der Seriosität des Kongresses gibt, und sehen deshalb auch keinen Handlungsbedarf (man will die Inhalte allerdings erneut prüfen). Die Veranstalter dagegen nennen die Vorwürfe „absurd und verleumderisch“ und treffen damit meiner Meinung nach genau den Punkt.
Vor einigen Tagen ist mir ein kostenloses Gießener Kleinanzeigenmagazin namens „Express“ in die Hände geraten. Da Marburg, wie schon erwähnt, in der Region liegt, findet sich auch in diesem Blättchen ein Artikel über den Kongress.* Obwohl auf sie auf den ersten Blick beide Seiten zu Wort kommen lässt, zeigt die Autorin doch durch Argumentation, Gewichtung und den ausführlichen Gebrauch von Anführungszeichen, dass sie ganz auf der Seite des linksliberalen grünen Mainstreams steht. Da ich nun ganz lokal also gewissermaßen auch persönlich betroffen bin – und als evangelikaler Christ indirekt auch mit in der Kritik stehe – möchte ich mir mal die Argumentation jener Gleichberechtigungsaktivisten ansehen. Und dazu ein paar Denkanstöße geben. (Die leider nicht ganz zusammenhängend sind.)
Vorweg: Mir gefällt die einseitige Haltung der Öffentlichkeit nicht. Ob nun, oder ob Homosexualität keine psychische Störung ist, ist nach wie vor umstritten (obwohl viele Forscher nach Wikipedia davon ausgehen, dass die Gene dabei zumindest eine Rolle spielen). Viele Experten, die diesen Standpunkt vertreten, haben mit dem Christentum gar nichts zu tun. Trotzdem wird so getan, als wären es die rückständigen und intoleranten Evangelikalen, die einmal mehr gegen alle Vernunft einen klaren wissenschaftlichen Sachverhalt nicht anerkennen wollen. Weiterhin soll Homosexualität auf dem Kongress nach Angaben der Veranstalter nicht einmal thematisiert werden. Den öffentlichen Anstoß erregt also schon die bloße Anwesenheit von 2-3 Ärzten, die eine Meinung vertreten, die manchen Leuten nicht in den Kram passt.
Die Aktivisten sprechen von einem Homophobie-Kongress, von „Umpolern“ und Pseudowissenschaftlichkeit. Den Opfern der linken Medienkampagne wird ihre freie Meinungsäußerung unmöglich gemacht. Es wurde sogar gerichtlich durchgesetzt, dass einer der Referenten als „Homo-Umpoler“ beleidigt werden darf. Man behauptet, Christen und Wissenschaftler, die an eine Heilbarkeit glaubten, diskriminierten Homosexuelle. Bei den öffentlichen Maulkörben, die sie den Andersdenkern schon verpasst haben, und bei der Ungeniertheit, mit der sie sie abstempeln, halte ich diese Äußerung für gewagt.
Haltet mich für naiv, aber ich kann der Argumentation nicht ganz folgen. Was ist daran diskriminierend im Sinne des Wortes, wenn man Homosexualität für heilbar bzw. für eine Sünde hält?
Ich hab wirklich nichts gegen Homosexuelle. Gar nichts. Obwohl ich Christ bin. Und ich diskriminiere sie auch nicht, obwohl ich nicht mit ihrem Lebensstil einverstanden bin. Ich halte sie für ganz normale Menschen, die Gottes Liebe Vergebung genauso dringend brauchen, wie ich und der Rest der Welt. Diskriminiere ich unsere Regierung, weil ich mit ihrer Politik nicht einverstanden bin? Diskriminiere ich die Grünen, weil ich ihre Hetzkampagne nicht mag? Oder diskriminiere ich Barack Obama, wenn ich mich gegen seine Abtreibungspolitik wende? Na also.
Die Bibel bezeichnet Homosexualität als Sünde. Die Bibel bezeichnet auch Lüge, Mord und Ehebruch als Sünde. Aus christlicher Perspektive ist jeder Mensch ein Sünder – ich, Volker Beck, und selbst der Papst. Doch schon Jesus wurde von den frommen Juden seiner Zeit dafür kritisiert, dass er mit Steuereinnehmern, Huren und Sündern verkehrte. Ein biblisches Motto ist es (oder sollte es sein), die Sünde zu hassen, doch den Sünder zu lieben. Jeder Christ, der Homosexualität als Sünde bezeichnet, stellt sich automatisch auf eine Stufe mit Schwulen. Wer sich da trotzdem noch diskriminierend verhält, hat seine eigene Lage nicht ganz begriffen.
Vielleicht ist es auch interessant zu verstehen, warum viele bibelgläubige Christen Homosexualität nicht für angeboren und normal halten. Ich bin kein besonders guter Apologet oder christlicher Ethiker, aber ein paar Gründe sind mir doch eingefallen: Die Bibel gibt zu verstehen, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen und beiden spezielle Fähigkeiten gegeben hat, die sich erst in gegenseitiger Ergänzung entfalten können. Da das Zusammenspiel von Mann und Frau Gottes Plan war, hat er, so könnte man argumentieren, vermutlich nicht manche so erschaffen, dass sie diese Rolle nicht ausfüllen können.
Da Homosexualität in Gottes Wort auch an verschiedenen Stellen klar kritisiert wird, ist klar, dass sie nicht Gottes Willen entspricht. Wenn sie nun aber angeboren und natürlich wäre, ließen sich das schwer mit ihrem Status als Sünde in Einklang bringen. Sünde beruht nach der Bibel schließlich auf einer Entscheidung – Homosexualität muss also auch eine Entscheidung sein.
Es gibt sicher auch Schwule und Lesben, die nicht mit ihrer „Polung“ zufrieden sind. Warum Menschen, die wollen, nicht wenigstens eine Chance zur Veränderung geben? Wenn man Männer operativ in Frauen und Frauen in Männer umwandelt, wird es doch sicher auch legitim sein, jemandem, der gerne wieder hetero sein will, die gleiche Möglichkeit zu geben (Ich habe auch schon von mehreren Fällen gehört, wo das gelungen ist.). Alles andere wäre doch eigentlich keine Gleichberechtigung, oder nicht? Wenn jemand Homosexuelle therapieren will, meint er damit ja keine Zwangsumdrehung, sondern ein Angebot an Unzufriedene.
Ich habe auch schon hin und wieder Berichte von Schwulen gehört, die zum Glauben an Gott kamen und sich mit Gottes Hilfe erfolgreich änderten. Dieser Mann zum Beispiel schreibt ziemlich ehrlich über seine Vergangenheit, und wie er sich mit Gottes Hilfe verändert hat. Er erklärt seine früheren Neigungen mit dem inneren Verlangen nach mehr, das jeder Mensch verspürt, und das nur bei Gott gestillt werden kann. Ich kann seine Glaubwürdigkeit nicht garantieren, aber aus biblischer Perspektive ergibt es Sinn, weil Gottes Kraft und Gnade von Sünden frei machen kann – also auch von Homosexualität, wenn man der Argumentation folgt, dass sie eine ist. Einer wissenschaftlichen Untersuchung wird das natürlich nicht standhalten, aber zumindest können wir zusammenfassen, dass es Menschen gibt, die ihre Orientierung auf eigenen Wunsch erfolgreich verändert haben und damit auch glücklich sind.
Ausdrücklich nicht verteidigen möchte ich jeden, der Schwule und Lesben aktiv diskriminiert. Das finde ich ziemlich übel. Dass leider auch konservative Christen das mitunter tun, finde ich ganz furchtbar und unentschuldbar. Biblisch gesehen ist es falsch, und wenn es geschieht, glaube ich, dass der „Hass auf die Sünde“ aus dem erwähnten biblischen Leitspruch leider mal wieder auf den Sünder projiziert wurde – was aber nicht Gottes Wille ist. Der „Balken im eigenen Auge“ wird ignoriert, weil man den „Dorn im Auge des Anderen“ zu entfernen versucht. Ich bedauere die Engstirnigkeit mancher Menschen, auch mancher Mitchristen, die noch so wenig von der Liebe Gottes gelernt haben, dass sie nicht über die vermeintlichen Sünden und Fehler eines Menschen hinweg auf die eigentliche Person sehen können.
Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Albrecht Kaul hat vor kurzem klar ausgesprochen, dass „Christen … sich nicht von Alt-68ern irritieren lassen [sollten], die heute an den Schalthebeln der Macht sitzen und „mit Intoleranz und Meinungsterror gegen alles vorgehen, was nach christlichen Werten klingt“.“ Ich finde, da ist was Wahres dran. Die Hauptgegner des Kongresses, wie aller christlichen Veranstaltungen, auf denen Homosexualität auch nur im entferntesten thematisiert wird, sind Lobbyisten aus dem linken Lager. Kaul sieht dies als ein Zeichen des militanten, ideologisierten Atheismus, der in den letzten Jahren aufgekommen ist, und den er mit dem ideologischen Atheismus der DDR vergleicht. Wie ein Schießhund geht er auf jede polarisierende christlich-konservative Äußerung los und diskriminiert alle bibelgläubigen Menschen als „Fundamentalisten“. Wo bleibt da die Meinungsfreiheit?
*Gesa Coordes: „Homoheiler bei Therapeuten-Kongress?“, Express 15/09, S. 7
Hier noch ein lesenswerter Artikel von Albert Mohler.
Insgesamt mal wieder ein sehr guter Artikel von Dir. Zum Aspekt „Entscheidung“ halte ich aber noch ein paar Konkretisierungen für nötig:
Zunächst muss man aus psychologischer Sicht zwei Formen von Homosexualität unterscheiden. Zum einen gibt es Menschen, die an sich heterosexuell sind, sich aber dennoch dem gleichen Geschlecht zuwenden. Dies geschieht nicht nur aufgrund einer klaren Entscheidung, es ist auch aus meiner Sicht dem Bereich der sexuellen Perversion zuzuordnen.
Zum anderen gibt es Menschen, die die gleichen Gefühle im Bezug auf das eigene Geschlecht haben, die Heterosexuelle gegenüber dem anderen Geschlecht empfinden. Ich möchte das, um einen Begriff zu haben, eine Inversion nennen. Die Sexualität in sich ist nicht verändert, sie wendet sich nur einem anderen Ziel zu.
Wenn wir heute von Homosexualität reden, meinen wir die Inversion. Und ich denke, ein großer Teil des Kampfes der Homosexuellenbewegung besteht eben in dieser Abgrenzung zwischen Inversion und Perversion und die Anerkennung der Inversion als eigenständigem psychischen Phänomen. Und so weit ist der Kampf natürlich berechtigt.
Die Autoren der Bibel hatten übrigens überwiegend Homosexualität als Perversion vor Augen. Sie spielt heute eine untergeordnete Rolle, war aber in der Antike weit verbreitet. Das muss bei der Exegese berücksichtigt werden. Dementsprechend ist nur von homosexuellem Geschlechtsverkehr die Rede, das Phänomen der Inversion wird in der Bibel nicht thematisiert.
Dennoch ist nach der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses jede praktizierte Homosexualität als Sünde aufzufassen, auch wenn es (ähnlich wie beim vorehelichen Geschlechtsverkehr) nicht so eindeutig da steht, wie manche es gerne hätten. Bei Homosexualität als Perversion liegt damit ganz klassisch die Notwendigkeit von Buße und Umkehr vor. Bei invers Homosexuellen ist der Fall nicht ganz so einfach.
Alle Wissenschaftler sind sich nämlich darüber einig, das eine solche homosexuelle Ausrichtung von Faktoren hervorgerufen wird, die der Betroffene nicht im geringsten beeinflussen kann. Der invers homosexuelle ist also nicht durch Entscheidung homosexuell geworden. Er ist allerdings vor die Aufgabe gestellt, sich mit seiner sexuellen Ausrichtung auseinanderzusetzen und entsprechende Entscheidungen zu treffen.
Aus biblischer Sicht bleibt neben der Veränderung der sexuellen Ausrichtung auch der Weg des Verzichts offen. Beide Wege sind bekanntermaßen nicht einfach zu gehen. Deswegen können sie meiner Meinung nach nicht das Ergebnis gemeindlichen Drucks oder gar staatlichen Handelns sein kann. Ich verstehe die Befürchtung innerhalb der Homosexuellenbewegung, dass angesichts latenter Homophobie und noch nicht überwundener Diskriminierung ein gangbarer Weg schnell zu einem Weg werden kann, der zwangsweise begangen werden muss.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Diskriminierung Homosexueller lange Zeit eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit war, die noch dazu meist aus dem christlichen Glauben abgeleitet wurde. Das wird uns als Christen noch lange anhaften.