Noch nie habe ich an einem Tag so viele Predigten gehört wie gestern. Sechs Kurzpredigten in Homiletik zu je sieben Minuten, eine ca. 30 min lange im Plenum (einer vierzigminütigen täglichen Vollversammlung der Studenten und Dozenten, auf der die verschiedensten Dinge geschehen) – die Abschlusspredigt eines diesjährigen Absolventen. Leider hatte ich bei dieser die größte Mühe beim Zuhören, und das nicht so sehr wegen ihrer Länge, der Botschaft oder der Exegese, sondern vor allem wegen der Vortragsweise des Predigenden. Er hat nämlich einerseits zu schnell gesprochen, ohne dabei genügend lange Pausen zu machen (Das ist mir jüngst bei meiner 7-min-Predigt in Homiletik ebenfalls passiert. Fast alle Rückmeldungen forderten mich dazu auf, langsamer zu sprechen…). Außerdem hat er das Wort „Rechtfertigung“ immer seltsam betont. Das Wort war ein wichtiger Bestandteil seines Themas und kam deshalb sicherlich 30mal oder öfter vor – und immer als „RechtFERTigung“ (und nicht korrekt „RECHTfertigung“).
Das hat mich so abgelenkt, dass ich zeitweise abgeschaltet und detaillierte Überlegungen über die deutsche Grammatik angestellt habe. Besonders zog es mich in die von mir bisher nur rudimentär durchdachten Bereiche der Betonungsregeln und Zäsuren, später aber auch zu Syntaxänderungen in Nebensätzen, die durch Konjunktionen eingeleitet werden, und den vielen schönen kleinen Wörtern wie „doch“, „noch“, „fei“, „etwa“ u.a., die es in der deutschen Sprache zur Hervorhebung eines Sinnaspekts gibt. Oder die hunderttausend Möglichkeiten auszudrücken, wozu man im Englischen normalerweise nur „really“ verwendet: „echt“, „wirklich“, „total“, „unheimlich“, „richtig“… Schön, wie man unsere Sprache instrumentalisieren kann. Ich glaube, es wird demnächst einen mehrteiligen Leitfaden für Deutsch-Lerner geben, da ich mindestens zwei Personen kenne, die gerade Deutsch lernen. Vieles davon kann man aber unmöglich aus dem Lehrbuch bekommen. Aber ich schweife ab.
(Falls der Prediger das zufällig lesen sollte – ich fand die Predigt trotzdem ziemlich gut. Nichts für ungut. Sprich mich an, falls du immer noch Zweifel hast.)
Das Semester ist mit dem Ende nächster Woche offiziell vorbei, in der Woche drauf kommt allerdings noch eine Griechisch- und eine NT-Bibelkunde-Klausur. Wenn das geschafft ist, geht es ab in die ganze Freiheit, die drei Monate Sommerferien so zu bieten haben.
Wäre da nicht das Praktikum, das ich über den gesamten August machen werde. Da es relativ schwierig ist, als junge Familie irgendwo eine Gemeinde oder christliche Organisation als Praktikumsgeber zu finden, die auch eine Wohnung anbieten kann, hat mir mein Pastor angeboten, dass ich in unserer kleinen Gemeinde unter seiner Aufsicht mein Praktikum machen kann – dazu werde ich noch nicht einmal unsere Wohnung verlassen müssen. Ich werde etliche Predigten und den Gottesdienstplan für die nächsten Monate schreiben und etliche „hilfreiche“ Bücher lesen dürfen. Dazu kommen noch ein oder zwei Predigten, die ich auch halten werde. Das klingt nach viel, aber ich freu mich irgendwie drauf, weil ich viel entfalterische Freiheit, Eigenverantwortung und v.a. Übung in den wichtigen Disziplinen haben werde.
Mitte September fliegen wir dann nochmal für drei Wochen nach Texas, und von dort aus geht es nun definitiv auch nach Iowa, wo Whitneys Vater mit Familie lebt, sodass ich die andere Hälfte der Verwandtschaft auch noch kennen lernen werde und eine Ahnung davon bekomme, wo Whitney aufgewachsen ist. Nach Florida werden wir es wohl leider schon wieder nicht schaffen. Trotzdem, ich freu mich schon total.
(EDIT: Habe den Text überarbeitet. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie schlimm mein Kommentar zu der Predigt klang, bis mich eine Leserin darauf hingewiesen hat. Danke!)